Nachgedanken

Lisa und ich waren wieder auf Reisen. Endlich. Kurze und knackige fünf Nächte. Krakau, Polen. Lisa hat uns ein hübsches Hotel gebucht. Lisa organisiert alles, ich bin der Fahrer, der Begleiter. Sie hat ein buntes Programm zusammengestellt. Und manchmal bin ich Kritiker.

Zur Zeit ist ein jüdisches Festival. Zum 30. Mal. Die Litfaß-Säulen zeigen es an. Auch Nigel Kennedy kommt nach Krakau. Aber erst später.

Um von jüdischem Leben etwas mitzubekommen, muss man allerdings nach Kasimierz gehen.

Ein paar Tafeln, ein paar Häuser mit alten Schildern, ein paar auch mit hebräischen Worten, ein paar Synagogen.

Doch auch da: Wo ist die jüdische Kultur? Es ist ein hipper Stadtteil, tolle Restaurants, sogar ein Israelisches, das Hamsa. Doch irgendwie findet man hier, inmitten eines historisch interessanten Ortes, kaum Anknüpfungspunkte zu dieser jüdischen Kultur.

Radio Krakau hat ein Zelt aufgestellt, es ist Radio vor Ort und meist finden Gespräche statt, mit online Gesprächspartnern. Oder DJ’s stellen ihre Weltmusik Plattensammlung vor. Ägypten, Iran, Türkei, Siam, Afrika. Keine Berührungspunkte mit israelischer Musik. Kultur? Und generell: ich vermisse jüdisches Leben. Lisa und ich hören seit Jahren Kan 88, ein Radiosender aus Tel Aviv, wir essen gerne israelisch, wir kochen israelisch, wir feiern unseren Shabat, irgendwie, wir hören jiddische Musik, wir machen Heritage Tours, wo wir versuchen, jüdisches Leben zu finden. Ich bin ein wenig enttäuscht.

Mach dir deinen eigenen Regenbogen. 🌈 Man braucht den Regenbogen des Bundes nicht mehr. Man weiß nicht einmal mehr, dass es einen Gott gibt, oder er ist längst tot. Wie die Freiheit tot ist. Jesus haben sie auch getötet. Es ist eine neue Welt. Ohne Gott. Ohne Gott kann man ja leben, aber ohne Geld?

Lisa wollte dieses Jahr nach Auschwitz gehen, das etwa 60km entfernt ist. Ich wollte zuerst nicht, aber nachdem ich vergeblich jüdisches Leben gefunden habe, dachte ich mir, dann gehen wir halt. Zwar gibt es dort auch kein jüdisches Leben mehr, aber die Erinnerung daran. Die krassen Bilder. Die Stille. Die Imagination.

Ich bin auch sehr beeindruckt. Nicht so sehr, wie im Schindler Museum oder wie in Yad Vashem. Kann man abstumpfen angesichts dieses Grauens? Ich hoffe nicht. Es war anders. Schindlers Fabrik war irgendwie inszeniert. Das Grauen wurde durch die Enge irgendwie real. Yad Vashem überwältigend durch die vielen Details. Die Namen der Täter, die Verantwortung trugen, zum Beispiel. Viele Akademiker, die Intelligenz sozusagen. Doch gerade das machte mir Angst, sind es doch Akademiker und Adelige, die damals, wie in unserer Zeit das Sagen haben. Bei Auschwitz und Birkenau hingegen sind die Ausführung, das industrielle, das  materialistische Weltbild, die einem Menschen einen bestimmten Wert zumessen, ganz klar in Zahlen definiert. Und schon bist du lebensunwert. Das sollte man nicht vergessen. Besonders glaube ich, dass den Menschen gar nicht bewusst ist, wie schnell so ein Ort des Grauens entstehen kann, wie schnell sich Dinge ändern. Was wir gerade in dieser aktuellen Pandemie erleben ist eine Veränderung, die so rasant geht, dass mich das mindestens stutzig macht. Anders als damals, 1941, als dieser Ort realisiert wurde. Aber ähnlich. Dass Menschen zu so etwas fähig sind, muss man sich immer wieder klar machen. Manche träumen schon vom Great Reset. Vom neuen 1000-jährigen Reich?Auf der Rückfahrt kommen wir in heftigen Streit wegen dem Völkerrecht. Dabei sollte doch das Völkerrecht den Frieden unter Nationen regeln. Irgendwas haben wir beide missverstanden.Ach ja. Zur Zeit ist auch Fussball-EM. Am Abend werden die Spiele im polnischen TV übertragen. Polen ist ja draußen, aber das macht es den Moderatoren leichter, einfach über Fußball zu reden und weniger über nationale Ikonen, wie Lewandowski. Ein Lewandowski ist eben zu wenig. Ich bin froh, dass ich den Ton abstellen kann und diese Vorberichte und Kommentare nicht verstehen muss. Im Fußball gibt es noch Überraschungen, aber nicht nur dort. Am Abend, um 22:00 Uhr, hat Lisa ein Konzert gebucht, das im Rahmen des jüdischen Festivals stattfindet. Tolle Location. Im Innenhof der Technischen Universität. Es kommen Dark Matter aus Israel mit Eret als Special Guest.Die Lightshow, Laserprojektionen, machen richtig Spaß. Außerdem ist es gefühlt das erste richtige Konzert seit einer Million Jahre. Ok, vor zwei Tagen waren wir auf einem Hiphop Konzert. Aber Hiphop lebt von der Sprache. Und ausser Guten Tag und Danke spreche ich nicht viel polnisch. Und dann ist so etwas einfach zu wenig, um mich mitzunehmen. Die Bläser waren noch das Beste daran. Aber wenn die Arrangements nur auf den Sprechgesang abgestimmt sind, dann wird die Musik zur Nebensache. Schade. Apropos polnisch. Polen hat echt leckere Biere, aber ich bin kaum in der Lage, die verschiedenen Namen der Biere (Piwi) überhaupt auszusprechen. Aber ein Grund, nach Polen zu reisen, allemal.Es ist Sommer. Das Leben ist schön. Und ich bin nicht zum Biertrinken hergekommen. Ich mag den Lifestyle. Hier kann man einerseits das Gute, Normale und das Hässliche, Kranke nebeneinander sehen. Viele Jugendliche, die verwirrt sind. Junge Mädchen, magersüchtig, auf Vampir geschminkt, mit hässlichen Punk Klamotten. Und dann Mädchen, die das komplette Gegenteil sind. Bürgerlich. Keine Rebellion. Angepasst? Ich weiß es nicht. Wer von den Mädchen braucht später professionelle Hilfen? Es scheint, als ob ein Riss dirch die Gesellschaft geht. Krakau, eine Großstadt, wie Stuttgart oder Frankfurt oder Berlin. Meiner Meinung nach ist hier schon vorprogrammiert, wer gewinnt und wer verliert. Oder vielleicht war es das schon immer? Die einen werden angepasst und die anderen werden unangepasst. Geboren? Es kann nicht nur Gewinner geben. Aber es sollte nicht so viele Verlierer geben. Wird so Armut generiert?Die Armut ist hier in Polen möglicherweise noch krasser. Definitiv. Großstadt-Armut. Es gibt richtige Obdachlose. Als wir nach dem Konzert zurück ins Hotel gingen, liegen die Männer vor abgeschlossen Hauseingängen. Es sind Männer, denn Frauen haben eine andere Obdachlosigkeit. Sie werden oft von Männern aufgenommen und erleben dann eine Form der sexuellen Ausbeutung oder Gewalt. Nicht immer, aber sehr wahrscheinlich. Das ist bei uns nicht anders, und wie bei uns, werden Frauen häufiger auch professionell betreut. Das ist auch richtig so.Aber was geschieht mit den Männern? Wir haben Notunterkünfte. Hier in Krakau gibt es sie auch? Sind es zu wenig? Die Sprachbarriere hindert uns daran, Kontakt aufzunehmen. Menschen darauf anzusprechen, warum das hier passieren kann.Möglicherweise steht man im Ostblock anders zur Problematik des Alkoholismus oder der Obdachlosigkeit oder der Resozialisierung.Jetzt bekomme ich Angst, dass wir auch irgendwann ähnliche Zustände haben könnten. Menschen verlieren ihr Heim, ihr bisschen Wohlstand, sie landen auf den Strassen. Es gibt kein soziales Netz mehr. Zu teuer. Unrentabel. Undenkbar?Ach ja, Deutschland ist raus. Jetzt möchte ich mit den Underdogs fiebern. Ukraine oder Tschechien oder die kleine Schweiz. Deutschland hat versagt, und Löw und die Mannschaft.Morgen geht es wieder nach Hause. Nach Herrenberg. Da, wo die Welt noch ein bisschen mehr in Ordnung ist. Wo man etwas tun kann, dass es besser wird und nicht schlechter.

Auschwitz

Birkenau

Where do you sleep at night?

Zur Zeit ist ein jüdisches Festival. Zum 30. Mal. Die Litfaß-Säulen zeigen es an. Auch Nigel Kennedy kommt nach Krakau. Aber erst später. Um von jüdischem Leben etwas mitzubekommen, muss man nach Kasimierzc gehen. Ein paar Tafeln, ein paar Häuser mit alten Schildern, ein paar auch mit hebräischen Worten, ein paar Synagogen. Doch auch da: Wo ist die jüdische Kultur? Es ist ein hipper Stadtteil, tolle Restaurants, sogar ein Israelisches, das Hamsa. Doch irgendwie findet man hier, inmitten eines historisch interessanten Ortes, kaum Anknüpfungspunkte zu dieser jüdischen Kultur. Radio Krakau hat ein Zelt aufgestellt, es ist Radio vor Ort und meist finden Gespräche statt, mit online Gesprächspartnern. Oder DJ’s stellen ihre Weltmusik Plattensammlung vor. Ägypten, Iran, Türkei, Siam, Afrika. Keine Berührungspunkte mit israelischer Musik. Kultur? Und generell: ich vermisse jüdisches Leben. Lisa und ich hören seit Jahren Kan 88, ein Radiosender aus Tel Aviv, wir essen gerne israelisch, wir kochen israelisch, wir feiern unseren Shabat, irgendwie, wir hören jiddische Musik, wir machen Heritage Tours, wo wir versuchen, jüdisches Leben zu finden. Ich bin ein wenig enttäuscht.Da traf es sich gut, dass Lisa dieses Jahr nach Auschwitz gehen wollte, das etwa 60km entfernt ist. Ich wollte zuerst nicht, aber nachdem ich vergeblich jüdisches Leben gefunden habe, dachte ich mir, dann gehen wir halt. Zwar gibt es dort auch kein jüdisches Leben mehr, aber die Erinnerung daran. Die krassen Bilder. Die Stille. Die Imagination.Ich bin auch sehr beeindruckt. Nicht so sehr, wie im Schindler Museum oder wie in Yad Vashem. Kann man abstumpfen angesichts dieses Grauens? Ich hoffe nicht. Es war anders. Schindlers Fabrik war irgendwie inszeniert. Das Grauen wurde durch die Enge irgendwie real. Yad Vashem überwältigend durch die vielen Details. Die Namen der Täter, die Verantwortung trugen, zum Beispiel. Viele Akademiker, die Intelligenz sozusagen. Doch gerade das machte mir Angst, sind es doch Akademiker und Adelige, die damals, wie in unserer Zeit das Sagen haben. Bei Auschwitz und Birkenau hingegen sind die Ausführung, das industrielle, das  materialistische Weltbild, die einem Menschen einen bestimmten Wert zumessen, ganz klar in Zahlen definiert. Und schon bist du lebensunwert. Das sollte man nicht vergessen. Besonders glaube ich, dass den Menschen gar nicht bewusst ist, wie schnell so ein Ort des Grauens entstehen kann, wie schnell sich Dinge ändern. Was wir gerade in dieser aktuellen Pandemie erleben ist eine Veränderung, die so rasant geht, dass mich das mindestens stutzig macht. Anders als damals, 1941, als dieser Ort realisiert wurde. Aber ähnlich. Dass Menschen zu so etwas fähig sind, muss man sich immer wieder klar machen. Manche träumen schon vom Great Reset. Vom neuen 1000-jährigen Reich?Auf der Rückfahrt kommen wir in heftigen Streit wegen dem Völkerrecht. Dabei sollte doch das Völkerrecht den Frieden unter Nationen regeln. Irgendwas haben wir beide missverstanden.Ach ja. Zur Zeit ist auch Fussball-EM. Am Abend werden die Spiele im polnischen TV übertragen. Polen ist ja draußen, aber das macht es den Moderatoren leichter, einfach über Fußball zu reden und weniger über nationale Ikonen, wie Lewandowski. Ein Lewandowski ist eben zu wenig. Ich bin froh, dass ich den Ton abstellen kann und diese Vorberichte und Kommentare nicht verstehen muss. Im Fußball gibt es noch Überraschungen, aber nicht nur dort. Am Abend, um 22:00 Uhr, hat Lisa ein Konzert gebucht, das im Rahmen des jüdischen Festivals stattfindet. Tolle Location. Im Innenhof der Technischen Universität. Es kommen Dark Matter aus Israel mit Eret als Special Guest.Die Lightshow, Laserprojektionen, machen richtig Spaß. Außerdem ist es gefühlt das erste richtige Konzert seit einer Million Jahre. Ok, vor zwei Tagen waren wir auf einem Hiphop Konzert. Aber Hiphop lebt von der Sprache. Und ausser Guten Tag und Danke spreche ich nicht viel polnisch. Und dann ist so etwas einfach zu wenig, um mich mitzunehmen. Die Bläser waren noch das Beste daran. Aber wenn die Arrangements nur auf den Sprechgesang abgestimmt sind, dann wird die Musik zur Nebensache. Schade. Apropos polnisch. Polen hat echt leckere Biere, aber ich bin kaum in der Lage, die verschiedenen Namen der Biere (Piwi) überhaupt auszusprechen. Aber ein Grund, nach Polen zu reisen, allemal.Es ist Sommer. Das Leben ist schön. Und ich bin nicht zum Biertrinken hergekommen. Ich mag den Lifestyle. Hier kann man einerseits das Gute, Normale und das Hässliche, Kranke nebeneinander sehen. Viele Jugendliche, die verwirrt sind. Junge Mädchen, magersüchtig, auf Vampir geschminkt, mit hässlichen Punk Klamotten. Und dann Mädchen, die das komplette Gegenteil sind. Bürgerlich. Keine Rebellion. Angepasst? Ich weiß es nicht. Wer von den Mädchen braucht später professionelle Hilfen? Es scheint, als ob ein Riss dirch die Gesellschaft geht. Krakau, eine Großstadt, wie Stuttgart oder Frankfurt oder Berlin. Meiner Meinung nach ist hier schon vorprogrammiert, wer gewinnt und wer verliert. Oder vielleicht war es das schon immer? Die einen werden angepasst und die anderen werden unangepasst. Geboren? Es kann nicht nur Gewinner geben. Aber es sollte nicht so viele Verlierer geben. Wird so Armut generiert?Die Armut ist hier in Polen möglicherweise noch krasser. Definitiv. Großstadt-Armut. Es gibt richtige Obdachlose. Als wir nach dem Konzert zurück ins Hotel gingen, liegen die Männer vor abgeschlossen Hauseingängen. Es sind Männer, denn Frauen haben eine andere Obdachlosigkeit. Sie werden oft von Männern aufgenommen und erleben dann eine Form der sexuellen Ausbeutung oder Gewalt. Nicht immer, aber sehr wahrscheinlich. Das ist bei uns nicht anders, und wie bei uns, werden Frauen häufiger auch professionell betreut. Das ist auch richtig so.Aber was geschieht mit den Männern? Wir haben Notunterkünfte. Hier in Krakau gibt es sie auch? Sind es zu wenig? Die Sprachbarriere hindert uns daran, Kontakt aufzunehmen. Menschen darauf anzusprechen, warum das hier passieren kann.Möglicherweise steht man im Ostblock anders zur Problematik des Alkoholismus oder der Obdachlosigkeit oder der Resozialisierung.Jetzt bekomme ich Angst, dass wir auch irgendwann ähnliche Zustände haben könnten. Menschen verlieren ihr Heim, ihr bisschen Wohlstand, sie landen auf den Strassen. Es gibt kein soziales Netz mehr. Zu teuer. Unrentabel. Undenkbar?Ach ja, Deutschland ist raus. Jetzt möchte ich mit den Underdogs fiebern. Ukraine oder Tschechien oder die kleine Schweiz. Deutschland hat versagt, und Löw und die Mannschaft.Morgen geht es wieder nach Hause. Nach Herrenberg. Da, wo die Welt noch ein bisschen mehr in Ordnung ist. Wo man etwas tun kann, dass es besser wird und nicht schlechter.